Hoch und runter
Irgendwann hat es wahrscheinlich jeder schon mal gemacht:
Während des eigentlichen Aufstiegs am Riff wird doch noch mal tiefer
getaucht, um noch etwas
anzuschauen oder ein Foto zu schießen. Der
erste Jojo-Tauchgang. Wehgetan hat es nicht, was soll also so
schlimm daran sein? Ein solches Tauchprofil, mit Tiefenänderungen
nach oben und nach unten, birgt spezifische Risiken
und Gefahren,
die man unbedingt vermeiden sollte, denn auch der Computer am
Handgelenk kann viele Vorgänge im Körper nicht mit einkalkulieren!
Drei Phasen

Rein schematisch kann ein Tauchgang
in drei Phasen eingeteilt werden,
nämlich der Kompressionsphase, also
der Phase der Druckzunahme beim
Abtauchen, der
Isopressionsphase, bei
der der Druck mehr oder minder
gleichbleibend ist, und der
Dekompressionsphase beim
Auftauchen, bei der der Druck
abnimmt. Diese Einteilung stammt
noch aus den Zeiten der
frühen
Berufstaucher, die streng ein
sogenanntes Rechteckprofil tauchten (wie sie es im übrigen auch heute
noch vielfach tun). Für ein solches Profil stimmt die Phaseneinteilung
ganz
exakt.
Während der Kompression und der Isopression nimmt der Körper vermehrt
Stickstoff auf und speichert ihn in den Körpergeweben. Da nicht jedes
Gewebe gleich stark durchblutet ist und es auch Unterschiede in
der
Stickstofflöslichkeit gibt, sättigen sich die Gewebe nicht gleichmäßig auf,
sondern während ein Gewebe vielleicht schon komplett gesättigt ist, kann
ein anderes noch erhebliche Mengen Stickstoff aufnehmen. Nimmt
dann
während der Dekompression der Umgebungsdruck ab, wird der vermehrt
aufgenommene Stickstoff wieder freigesetzt. Auch bei der Entsättigung gibt
es deutliche Unterschiede zwischen den Geweben.
Bei den Tauch- und
Dekompressionstabellen wird insgesamt von einem
Rechtecktauchgang ausgegangen, wobei den Tauchern empfohlen wird,
die Grundzeit nicht völlig auszureizen. Auch moderne Rechner gehen noch
immer von Rechtecktauchgängen aus,
nur mit dem Unterschied, dass ein
Tauchgang in eine Vielzahl quasi “kleiner” Rechtecktauchgänge unterteilt
wird. Dies macht es zwar einerseits möglich, dass auch Multi-Level-
Tauchgänge berechnet werden können,
ändert aber andererseits nichts an
den zugrundeliegenden Problemen der Jojo-Tauchprofile. Doch wo liegen diese Probleme?
Blasentanz

Bei jeder Druckzunahme kommt es
also zu einer Aufsättigung des Körpers
mit Stickstoff, bei jeder Druckabnahme
zu einer zumindest teilweisen
Entsättigung.
Das weiß jedes
“Taucher-Kind”. Da die Auf- und
Entsättigungen aber nicht völlig
gleichförmig verlaufen, ist das
tatsächliche Geschehen im Körper
nach ein paar Mal “Hin und Her” kaum
noch
vorherzusagen. Das hat zur
Folge, dass die mathematische
Berechnung des Geschehens zum Albtraum und somit das
Rechenergebnis trotz funktionsfähigen Rechners zunehmend ungenau
wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein
dekompressionsbedingtes Problem
entstehen kann, steigt also an.
Und es kommt noch schlimmer: Wie inzwischen bekannt, ist es auch bei
normaler, unauffälliger Dekompression nicht ungewöhnlich, wenn als Folge
der
Entsättigung kleine Gasbläschen im Blut entstehen. Diese gelten, wenn
eine bestimmte kritische Größe und Anzahl nicht überschritten wird, als
ungefährlich. Sind diese Gasbläschen aber einmal vorhanden, werden sie
bei einem
erneuten Ab- oder deutlichem Tiefertauchen zum größten Teil
mechanisch kleiner gedrückt (Gesetz von Boyle und Mariotte). Während
also nur ein Teil wieder in Lösung geht, bleiben viele Gasbläschen
verkleinert im Blut
vorhanden. Wird der Umgebungsdruck nun wieder
reduziert, wie es beim Auftauchen der Fall ist, so wachsen auch diese
Gasbläschen wieder an. Da aber wegen der erneuten Aufsättigung durchs
Tiefertauchen weiteres Gas
freigesetzt wird und sich dieses deutlich
leichter zu Blasen sammeln kann, wenn schon Blasen vorhanden sind,
kommt es zu einem verstärkten Wachsen der Gasbläschen. Wie gesagt:
Bis zu einer gewissen kritischen Menge und
Größe werden Gasbläschen
im Körper wahrscheinlich symtomlos vertragen, doch mit jedem “Rauf-
Runter-Rauf” nähert sich jeder Taucher dieser Grenze an.
Weiße Flecken

Der Hinweis, dass eine gewisse Menge
an Gasblase symtomlos vertragen
wird, gilt im übrigen nur für Bläschen
im venösen System. Im Gegensatz
dazu können
schon geringste Mengen
an Gasbläschen in den Arterien Schäden
herbeiführen. Diese Schäden können
unmittelbar auffällig werden und
massive Beschwerden zum Beispiel in
Form von Nervenlähmungen
hervorrufe. Die
Veränderungen
können aber auch sehr diskret sein
und zunächst unbemerkt verlaufen. So
wird derzeit vermutet, daß jene weißen Flecken im Gehirn, die mit
speziellen Untersuchungsverfahren bei einigen Tauchern gefunden
wurden, die Auswirkungen von
kleinsten Bläschen im arteriellem System
sein könnten. Und auch hier spielt das Tauchverhalten eine wesentliche
Rolle. Normalerweise verhindert die Lunge, genauer gesagt die
Lungenkapillaren, sehr wirkungsvoll den
Übertritt von Gasbläschen in das
arterielle System. Werden jedoch vorhandene Gasbläschen, wie oben
geschildert, durch erneutes Tiefertauchen verkleinert, ist ein Übertritt der
verkleinerten Gasblasen denkbar. Und selbst
wenn die Lunge nicht der
“Nachlässige Pförtner” ist, so kommt auch das Foramen ovale, jenes
bekannte Loch in der Scheidewand zwischen dem rechten und dem linken
Herzvorhof (das bei etwa jedem dritten zu finden
ist), als Übeltäter in
Frage. Ein prinzipiell vorhandenes, im Normalfall aber verschlossenes
Foramen ovale kann sich beim Tauchen öffnen, wenn der Druckausgleich
zum Mittelohr durchgeführt wird. Ist dies bei Beginn des
Tauchgangs auch
ohne Belang, so erhält es eine ganz andere Qualität, wenn wegen
vorangegangener Aufsättigung und teilweiser Entsättigung Gasbläschen im
Körper vorhanden sind. Diese könnten nämlich beim erneuten
Abtauchen
und während des Druckausgleichs in die linke Herzhälfte gespült werden.
Kein Zick-zack!
Es ist also nach wie vor sinnvoll, die größte Tiefe eines Tauchgangs
ziemlich zu Beginn aufzusuchen,
um danach eher stetig flacher zu werden.
Und in dieser Phase sollte man allen Verlockungen widerstehen, erneut
deutlich tiefer zu tauchen. Auch wenn der Computer fleißig alle
Änderungen einrechnet, alles kann er nicht mit
einkalkulieren.